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Einflussreiche Ahnungslose in der Politik I

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Der Sinn vom Billig-Kampfflieger?

 

 

Diesen folgenden Artikel bezieht sich auf den Beitrag vom SRF https://www.srf.ch/ne​​​ws/schweiz/neue-kam​p​f​flugzeuge-sp-will​-b​il​ligflieger-aus-​ita​lie​n (Rundschau 30.10.2019). Gerne zitiere ich die Headlines:

 

Acht Milliarden will der Bundesrat für neue Kampfflugzeuge und Luftverteidigung ausgeben. Die SP schlägt eine günstigere Variante vor. Doch diese Option hat nicht nur bei der Verteidigungsminister​​​in einen schweren Stand.“

 

Unter die günstigere Variante versteht man die, wie im Artikel erwähnt, „Zwei-Typen-Luftwaffe​​​“. Anstatt neue High-End Kampfflugzeuge zu kaufen, die unsere gesamte Flotte ersetzen soll, soll die F/A 18 weiterhin im Einsatz bleiben und deren Aufgaben teilweise durch eine Flotte von Billigfliegern übernommen werden. „Für den Luftpolizeidienst reicht ein normales Flugzeug. Die Polizei muss auch nicht mit einem Lamborghini auf Streife“ , meint dabei Nationalrätin Priska Seiler Graf (SP/ZH).

 

Nein, die Poizei geht nicht mit einem Lamborghini auf Streife. Die Auslastung sämtliche Strassen in der Schweiz verhindert auch eine Verfolgungsjagd mit allzu hohen Geschwindigkeiten. Nichts desto trotz aber sollte Frau Seiler Graf mal ein Blick unter die Haube der 5er BMW unserer Streifenpolizisten werfen. Darunter befindet sich der klassische Reihe 6 3l Motor mit über 300 PS. Mit grösster Wahrscheinlichkeit durch Chip-Tuning noch ein bisschen mehr.

 

Doch zurück zum Thema. Auf der Suche nach dem geeigneten Billigflieger reiste eine SP-Delegation nach Venegono, ein niedliches ländliches Gebiet nahe der Italienische Alpen in der Lombardei. Dort befindet sich ein Ableger der italienische Rüstungskonzern Leonardo S.p.A. Ein Konzern welches unter anderemden Kampftrainer Alenia Aermacchi M-346 Master

herstellt und vertreibt. Genau dieses Flugzeug ist auf dem Radarschirm der SP-Delegation gelandet, und die liessen sich dieses von den Leonardo Vertretern vorstellen.

 

Der Alenia Aermacchi M-346 Master ist ein Flugzeug basierend auf den Yak-130, die wiederum aus einem Joint Venture Programm von Yakovlev und Aermacchi entstand. Die Zusammenarbeit dauerte bis Jahre 2000, wo die Yak-130 bereits vermarktet wurde. Meinungsunterschiede über gewisse Prioritäten, die am Flugzeug entwickelt werden sollte beendete die Zusammenarbeit (stereotypisch gesehen könnte man meinen, die Italiener wollten den Stil verbessern, während die Russen vermehrt sich auf die effektive Leistungen des Flugzeuges konzentrieren wollten), und beide Firmen entwickelten aus dem Yak-130 ihre eigene Versionen. Die M-346 ist ausschliesslich ausgestattet mit Ausrüstungen westlicher Herkunft. Die FA Variante besitzt nebst der Standard Ausrüstung des Trainers 7 externe Trägersysteme für Boden-Luft, Luft-Luft Raketen und/oder weitere Ausrüstung für Aufklärung und elektronische Kriegsführung. Soweit so gut.

 

Bevor wir weiterfahren, rufen wir uns nochmals in Erinnerung, was die eigentliche Aufgaben sind der Luftwaffe, ob diese wegen der mögliche Bedrohungslage in der Zukunft nochmals überdacht werden sollte, und am wichtigsten: Was also dementsprechend geeignet bzw. nicht geeignet wäre. Als Quelle dient hier die Website https://schweiz.fando​​​m.com/wiki/Schweize​r​_​Luftwaffe(die offizielle Seite der Schweizer Luftwaffe/Armee, http://www.lw.admin.c​​​h/ und https://www.vtg.admin​​​.ch/ war zur Zeitpunkt beim Verfassen des Artikels nicht erreichbar, was mich wiederum an die Effektivität unserer Landesverteidigung zweifeln lässt):

 

Wahrung der Lufthoheit mittels Luftpolizeidienst (analog der Strassenpolizei) und Luftverteidigung

Luft​​​transportdienst

Nac​h​r​ichtenbeschaffung​ für militärische und politische Instanzen und Erstellen der Luftlage (siehe auch Luftwaffennachri​​​chtendienst (LWND))​

W​ahrscheinlich wird man im ersten Punkt hellhörig. „Wahrung der Lufthoheit“. Dazu meint auch Thomas Hurter (SVP/SH) im SRF Artikel: «Wir brauchen eine Luftwaffe nicht nur für den Polizeidienst, sondern auch für die Sicherung von Konferenzen und allenfalls auch im Verteidigungsfall.»

So verblendet von Schweizer Patriotismus, wie ein SVP Mann nur sein kann, so hat er wohl nicht ernsthaft gemeint, die Schweizer Luftwaffe müssteepische Luftschlachten über Schweizer Boden gewinnen, oder? Nein.

Selbstverständl​​​ich hat die Luftwaffe die Aufgabe, die Lufthoheit zu wahren. Doch was man schnell vergisst, ist dass nirgendwo in ihrem Auftrag steht, dass sie diese enorme Bürde auf die eigene Schultern tragen muss. In der Bundesverfassung steht im Art. 58.2:

Die Armee dient der Kriegsverhinderung und trägt bei zur Erhaltung des Friedens;

sie verteidigt das Land und seine Bevölkerung. Sie unterstützt die zivilen Behörden

bei der Abwehr schwerwiegender Bedrohungen der inneren Sicherheit und bei der

Bewältigung anderer ausserordentlicher Lagen. Das Gesetz kann weitere Aufgaben

vorsehen.

Da​​​s „Wie“ wird dabei nirgendwo in der Verfassung beschrieben (Es sei denn, die lieben Legislativen in Bundesbern möchten den Fachleuten auch noch vorschreiben, wie sie ihre Arbeit zu verrichten haben, und ergänzen bald mal noch den Artikel).

Seien wir ehrlich. Die Möglichkeit einer fremden Bedrohung besteht. Wir befinden uns exakt im Herzen Europas. Wir bilden die Brücken zu den mächtigsten Nationen in Westeuropa. Geostrategisch gesehen absolut interessant. Ein Angriffsplan der Sowjet Union wäre gewesen, diese Brücken mit atomare Sprengköpfen zu zerstören. Damals, im Kriegsfall, wäre aus der Schweiz als eines der ersten westlichen Ländern eine radioaktive Wüste geworden. Neutralität? Hat im zweiten Weltkrieg den Holländern und Belgiern offensichtlich nicht viel geholfen.

Wenden wir uns doch lieber der konventionellen Bedrohungslagen zu: Bevorstehender Konflikt zwischen NATO und Russland/China, wo eben der geostrategische Bedeutung der Schweiz deren Anspruch auf Souveränität überwiegt? Wenn eine Luftschlacht über die Schweiz entbrennt, dann steht uns die Luftwaffe von unserer Nachbarländern, von mehrere Nationen Europas, wenn nicht gar der gesamte NATO gegenüber. Oder es sind die Russen und Chinesen. Mehrere Geschwader an Eurofighters, D assault Rafale, bald auch F 35. Sollten es die Russen und Chinesen sein, dann sind es Schwärme von MiG 29, dedizierte Gruppen von MiG 35, bald auch Sukhoi Su-57 und einen Haufen weitere chinesische „Billigflieger“. Nicht vergessen die Armeetransporter, Tarnkappen und Jagtbomber usw usw. Was haben wir? Wenn dann mal endlich die neuen Jets angeschafft wurden gemäss einer unbekannten, unbenannten „Expertengruppe“ (https://www.srf.ch/n​​​ews/schweiz/experte​n​g​ruppe-praesentier​t-​sp​ar-bis-komfortv​ari​ant​e), sind es 70 Eurofighters/Rafales/​​​F 35.

Realistisch gesehen bleiben unsere Flugzeuge in diesem Bedrohungszenario am Boden. Hoffentlich haben wir die im Berg eingemeisselte Hangars noch…

Unsere Lebensqualität ist im Eimer, wenn die Luftwaffe alleine die Lufthoheit sichern soll. Wir müssten alles Mittel, die uns zur Verfügung steht, in Kampfflugzeugen stecken, und nicht mal dann könnten wir die ernsthafte Bedrohungen in der Luft abwenden. Um einen frontalen Luftangriff abzuwehren, oder wohl noch besser, abzuwenden, wäre eine massive Investition in Boden-Luft Abwehrsystemen effizienter. Ist um ein vielfaches günstiger und lässt die gegnerische Seite zweimal überlegen, ob ein potentiell grosser Verlust hochwertige Ausrüstungenund aufwendig ausgebildetePiloten sinnvoll ist. „Wäre“, denn tatsächlich steht uns das Wasser grundsätzlich bis zum Hals, wenn so was mal eintreffen sollte.

Die Frage ist also, brauchen wir Kampfflugzeuge überhaupt, um der Verfassungsartikel gerecht zu werden? Ja.

Wie tatsächlich ein aktuelles wie auch zukünftiges Bedrohungsszenario aussehen könnte, bei der unsere Kampfflugzeuge zum Einsatz kämen, erklärt weiter die Website:Die Wahrung der Lufthoheit kommt auch als Neutralitätsschutz zum Tragen, wenn Luftfahrzeuge von Staaten, die sich in einem bewaffneten Konflikt befinden, die Nutzung des schweizerischen Luftraum erzwingen wollen.Diese Aufgabe zusammen mit den beiden anderen Punkten, Luftpolizei und Aufklärung kann nur mit Kampfflugzeugen bewerkstelligt werden.

Kommen wir nun zum Vorschlag der SP mit der „Zwei Typen Luftwaffe“. Der Grundsatz ist gar nicht mal realitätsfremd. Die Polizei hat nicht nur 5er BMWs, Sie hat auch VW T4 Kastenwagen. Perfekt, um in Städten herumzukurven und eine grosse Anzahl von Ultras auf einmal einzubuchten. Analog hierzu: Für die Aufgabe der Aufklärung wird sicherlich nicht einen Überschallflieger benötigt. Die SR-71 Zeiten sind vorbei. Gemäss https://military.wiki​​​a.org/wiki/Reconnai​s​s​ance_aircraft ist es heutzutage gängig, auf Drohnen zu setzen. Diese fliegen etwa 200 km/h. Moment, besitzt die Luftwaffe nicht bereits Aufklärungsdrohnen? Gut, und was ist mit den anderen Aufgabenbereichen der Luftwaffe? Hier beginnt die SP Idee zu harzen.

Gemäss der Website heisst es unter anderem bei den Aufgaben der Luftpolizei: „Unbekannte Flugzeuge müssen kurzfristig und bei jeder Wetterlage identifiziert und nötigenfalls abgefangen werden können.“

Die Alenia Aermacchi M-346 fliegt maximal 1255 km/h und hat eine Diensthöhe von 13716m. Der Privatjet Cessna Citation X fliegt mit einer Geschwindigkeit von 1144 km/h. Fliegt der Privatjet unserem Italiener entgegen, kann er ihn abfangen und identifizieren. Fliegt er von unserem Italiener weg, wird der Italiener mit volle Pulle ihn wohl erst erreichen, wenn er schon über die Landesgrenze -oder in das Bundeshaus geflogen ist. Der Jagbomber F 15E Strike Eagle fliegt mit über 3000km/h. Da kann ja nicht mal unsere F/A 18 was anrichten! Und schon mal gehört, in welcher Höhe diese Flugzeuge fliegen? Beim Privatjet Cessna sind es über 15000m. Der M-346 ist also höchstens für das Abfangen von Propellerflugzeugen und Helikopter geeignet. Doch wozu dieses Flugzeug in der Luft haben, wenn parallel dazu dennoch ein F/A 18 in der Luft sein muss? Welche Aufgabe würde dieser Italiener von den F/A 18 überhaupt übernehmen können?

Dann kommt der zweite Punkt. Der F/A 18 will die Luftwaffe nicht nur ersetzen, weil sie kampffliegergeil sind. Der F/A 18 ist ebenfalls obsolet. Ein 4. Generation Flieger mit veraltete Radar und sicherlich nicht kompatibel mit den modernen europäischen Meteor Raketen (solche Sorten von Raketen benötigen wir, wenn wir ernsthaft unbekannte, hochentwickelte Eindringlinge abfangen wollen). Dazu kommt noch die Abhängigkeit von der USA. Werden uns die Ersatzteile geliefert?Wird uns das militärische GPS freigeschaltet? Welche Möglichkeiten hätten sie, unsere Flugzeuge von Zuhause aus lahmzulegen? Die USA sind keine vertrauenswürdige Partner. Sie waren es nie gewesen. Länder haben keine Freunde, nur Interessen, und bei den Amerikanern kommt dieser Grundsatz am meisten zum Vorschein. Dazu aber etwas mehr in einem anderen Artikel. In der Geopolitik, wo derjenige naiv ist, der vertraut, müssen wir unseren Partner mit äusserst grosser Argwohn aussuchen.

Zum Schlusswort können wir also zusammenfassen: Ja, ein Zwei-Typen-Luftwaffe ist sinnvoll. Nein, es benötigt keinen „Schwarm“ von hochmoderner Kampfflieger. Jedoch aber auch: Ja, wir haben bereits einen Zwei-Typen-Luftwaffe,​​​ Die Armee besorgt sich demnächst sogar neue Aufklärungsdrohnen. Ja, zum Glück fokussiert sich die Armee jetzt auf bodengestützte Luftverteidigung. Nein, um die vollständige Auflösung der F/A 18 und F 5 Tiger im Arsenal kommen wir nicht herum, und Ja, die 40 oder so hochmoderne Kampfjets sind nach wie vor bitterst nötig.

 

 

 

Louis Korwal

 

(Disclaimer:​​​​​ Ich bin kein Fachspezialist auf dem Gebiet der Militärwissenschaft. Ich beobachte, frage und hinterfrage lediglich.)


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